Vor langer Zeit, in seinem Haus am Waldessaum, da lebte ein armer Mann mit seiner Familie in großer  Sorge. Er war nicht mehr jung und hatte bereits seine erste Frau überlebt. Diese hatte ihm neun Kinder  geschenkt, von denen fünf zu früh an Hunger und Seuche verstorben waren, und schließlich hatte die  Seuche auch sie hinweg gerafft. Seine zweite Frau, die der arme Mann sehr liebgewonnen hatte, lag mit  schrecklichem Fieber im Bett und rang mit dem Tod. Erst vor Kurzem hatte sie ihr achtes Kind, einen  Sohn, zur Welt gebracht, doch auch von ihren Kindern waren vier zu früh an Krankheit und dem  Hunger verstorben.  

Nun erfuhr der arme Mann, dass seine beiden Ältesten im Kriege gefallen waren, und ging daraufhin  alleine in den Wald hinein, um über sein Leid nachzusinnen. Verbittert fragte er sich, warum  ausgerechnet er so viel Schmerz und Tod in seinem armen Leben erfahren müsse und kämpfte gegen  den finsteren Gedanken an, der ihm Linderung durch die eiserne Umarmung des Strickes versprach. 

Wie er so seines bekümmerten Weges ging, kam er in einen dunklen Busch, wo er eine gehörnte  Gestalt antraf. Es war ein Teufel, der seine Qualen gespürt hatte. Der Teufel bot dem armen Mann  Hilfe in seiner Not an und versprach ihm große Schätze, wenn er ihm im Gegenzuge dafür später einen  Gefallen schulde. Der arme Mann war geneigt einzuschlagen, was kann an so einem Gefallen schon  Schlimmes sein? Doch erinnerte er sich an die Geschichten von unglücklichen Seelen, die einen  solchen Handel in Verzweiflung eingegangen waren und dadurch erst großes Glück und danach ewige  Verdammnis erfahren mussten. Er dachte an seinen neugeborenen Sohn daheim. Also lehnte er ab und  floh vor dem Zorn des Teufels tiefer in den Wald hinein. 

Nach einiger Zeit unsicherer Wanderung traf er eine zweite Gestalt im Walde: eine Fee saß im Moose  und summte eine Melodie, liebreizend und wunderschön. Sie erblickte ihn und bot dem armen Mann  an, ihm einen Wunsch zu gewähren, wenn er anschließend mit ihr zusammen fortgehen würde. Wieder  erwog der Mann das Angebot, welches doch viel besser war als das Angebot des Teufels. Doch der  Gedanke, seine Frau und seine Kinder, vor allem sein jüngstes, zurückzulassen schmerzte ihn sehr. Und  so lehnte er wieder ab und floh vor dem Zorn der Fee noch tiefer in den Wald hinein. 

Hier, im dunkelsten Teil des Waldes, war der Mann endgültig verloren und orientierungslos. Alle  Hoffnung hatte er schon fahren lassen, da traf er eine dritte Gestalt auf einer düsteren Lichtung unter  einem einzelnen, toten Apfelbaum. Fahle Augen starrten aus einem eingefallenen Gesicht, dass sich  über einen knochigen Schädel spannte. 

Lord Asdai, der Tod selbst, gehüllt in eine Gestalt aus Schatten und Knochen, stand einem Turme  gleich vor dem armen Mann. Das Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen, als der Tod dem  Mann ein besonderes Angebot unterbreitete. Wenn der arme Mann dem Tod sein geliebtes  Neugeborenes zum Mündel verspreche, dann werde der Tod niemals wieder vor der natürlichen Zeit  Einzug in sein Haus halten. Der arme Vater dachte wieder nach. Er hatte den Tod schon so oft in sein  Leben treten sehen, dass er für ihn fast schon ein alter Bekannter war, und er wusste, dass alle Wesen  vor dem Tod gleich waren. Also schlug er ein und versprach dem Tod seinen Jüngsten, sobald er  herangewachsen war. 

In den folgenden Jahren hielt der Tod Wort und niemand aus dem Hause des armen Mannes starb  einen anderen Tod als den des hohen Alters. Als nun der Abend der Volljährigkeit seines  versprochenen Sohnes gekommen war, geleitete ihn sein Vater hinaus in denselben Wald, nahm  tränenreich Abschied und ließ ihn allein.

Es dauerte nicht lange und Lord Asdai erschien, in die Gestalt des Todes gehüllt. Und er nahm den  jungen Mann freundlich auf und legte ihm einen Teil seines eigenen, undurchsichtigen Mantels um.  Dann reichte er ihm Stein und Stab in der Art der Meister und führte ihn aus dem Wald heraus in ein  verlassenes, fruchtbares Tal. Und er offenbarte dem Jüngling, was er für ihn geplant hatte: Er werde  seiner Familie das jahrzehntelange Leid in stiller Treue vergelten und ihn, sein Mündel, zu einem  mächtigen Meister machen. Jedes Leiden würde er heilen können und mit mächtiger Magie würde er  sogar die Todgeweihten und lange Verstorbenen erlösen können.  

Nach seinem Willen würden Tote dienen, Tote leben und Lebende sterben. Zu einem Zaubermeister  mit Macht über Leben und Tod wolle er ihn machen. Doch für dieses größte aller Geschenke, dass der  Totengott machen konnte, verlangte er Loyalität. Er werde sich stark einschränken müssen und seine  besondere Kraft nur mit Bedacht einsetzen dürfen. Er dürfe keine Mörder, Schänder und Verbrecher  gegen die Götter behandeln. Solche und Jene, die der Tod schon für sich beansprucht habe, würden ein  Siegel tragen, dass nur der junge Mann würde sehen können. Und zuletzt dürfe er sich keinen Schüler  nehmen und seine Kunst auch sonst nicht verbreiten. 

Nachdem der Tod ihm diese Bedingungen genannte hatte stimmte der junge Mann zu und wurde in  dem Tal von seinem Oheim zu einem Meister gemacht, wie versprochen. Denn was der Tod verspricht,  das hält er auch. Bald schon ging der junge Meister hinaus in die Welt und heilte für viele Jahre alles  Volk von ihren Leiden und niemals trug einer seiner Patienten das Siegel des Todes.  

Doch mit den Jahren seines Dienstes wuchs auch eine Eitelkeit und eine Prahlsucht in dem Meister  heran, er wurde nachlässig in seiner Selbstbeherrschung. Er begann, mit seiner Kunst Reichtümer  anzuhäufen und erweckte die Verstorbenen immer öfter zum Leben, um seinen Ruhm zu mehren. Sein  Name zog weite Kreise und von seinen Reichtümern, von Fürsten und Populus genommen, baute er  eine ganze Stadt für seine wachsende Anhängerschar in dem Tal, in das der Tod ihn ursprünglich  geführt hatte. Und für sich baute er in dieser Stadt eine Akademie mit einem hohen Turm und um  diese zog ließ er eine Festung ziehen. 

Mehr und mehr gefährdete der Meister die natürliche Ordnung, den Kreislauf von Leben und Tod,  und als er dann heimlich begann, Zauberbücher und Litaneien über seine Kunst zu verfassen und ein  paar wenige Schüler in seiner Kunst unterwies, da war der Tod zornig und suchte den Meister des  nachts heim. Auf Knien flehte der Meister seinen Oheim an, ihm zu vergeben und ihm eine neue  Gelegenheit zu geben und der Tod ließ sich, entgegen seiner Art, erweichen. Finster gewährte er seinem  Mündel eine zweite Chance, doch er warnte ihn auch: Sollte er jemals wieder versuchen, den Tod zu  betrügen, würde er diesen Verrat mit seinem Leben bezahlen. Voller Furcht stimmte der Meister zu. 

Wieder gingen Jahre ins Land und der Tod folgte seinem Mündel wo auch immer er hinging, als langer  drohender Schatten. Nun kam eines Tages ein Bote zum Turm des Meisters und bat ihn, in ein  kriegerisches Königreich im Norden zu kommen. Sein König sein von einer furchtbaren Krankheit  dahingerafft worden und seine Königin sei ebenfalls todkrank, niemand könne ihr helfen. Ein  unfassbarer Hort sei für ihre Heilung ausgelobt. So ging der Meister also und der Tod folgte ihm. Aber  als der Meister an das Krankenlager der sterbenden Königin trat, da war alles Gold vergessen, denn  niemals hatte er eine so schöne Frau erblickt. Niemals ein Gesicht, dass selbst im Todeskampf noch so  lieblich aussah. So berührt war er von ihrem Antlitz, dass er das nur für ihn sichtbare Siegel auf ihrer  Brust gar nicht bemerkte. Voller Eifer und Inbrunst bannte er geschwind die Seuche aus dem Leib der  Königin, weckte sie auf und besiegelte unwissend sein Schicksal.

Doch als sie die engelsgleichen Augen aufschlug und gerade ein schwaches Dankeswort an ihren  glücklichen Retter richten wollte, da zog der vor Wut bebende Schatten des Todes in enttäuschter  Raserei sein Mündel bereits mit Leib und Seele aus dieser Welt, hinunter in die dunkle Unterwelt.  Voller plagendem Zorn zog er den Meister über die stummen Ebenen von Karastraipos, wo die Toten  auf das Gericht warten, und über den Blutsee von Valkafar und vorbei am silbernen Apfelbaum von  Arast-Behor, der die seelige Insel Zaelis überragt und mit seinen silbernen Früchten den Pfad der  Gnade berührt. Und von diesem Baume stammt Allassir der Prächtige, die schönste aller Früchte, die  die Götter dereinst geheiligt und an den Himmel gehängt haben. Der bestohlene Oheim warf sein  Mündel in den Trestes Asdaiis, den langen Hallen des Richterspruches, zu Boden und voller  Verzweiflung sah der Meister die unendliche Zahl an kerzenähnlichen Flammen, die dort abbrennen  und von denen jede ein sterbliches Leben anzeigt. 

Dann warf Lord Asdai alle Verkleidung von sich und präsentierte sich dem armen Meister in seiner  ganzen, grausamen Herrlichkeit als ewiger Richter. Er griff in das Kerzenmeer und holte die lange  Flamme hervor, die das Leben des Meisters darstellte, und kürzte sie rapide bis auf den noch  brennenden Docht herab, voller Trauer und Anklage. Der Meister, sein eigenes Leben vor sich  schwinden sehend, spürte zum ersten Mal die Todesangst, die er so oft in den Augen seiner Patienten  gesehen hatte. Bettelnd und voller Panik flehte er seinen unerbittlichen Oheim an, sein Licht auf eine  andere Kerze zu übertragen, und der Totengott erwog seine Bitte, doch der Verrat des Meisters wog zu  schwer. Mit versteinerter, trauernder Miene ließ Lord Asdai den glimmenden Docht fallen und sah tief  bekümmert zu, wie das Leben seines Mündels verlosch. 

Der Rest ist Legende. Manche sagen, dass der Leib des Meisters wieder in seinen Turm gebracht und  dort in einem tief vergrabenen Sarkophag liegt und dass die Insignien des Fürsten der Jagd von Belan  der Mantel, Stab und Stein des Meisters sind. Die Zauberbücher des Meisters wurden niemals wieder  gesehen, wahrscheinlich sind sie verschwunden, zerstört oder an finsteren Orten versteckt. Die wenigen  

Schüler des Meisters tauchten unter und man sagt, dass sie versuchten, die Kunst des Meisters zu  kopieren. Doch kein Mächtiger hat jemals eine ebenbürtige Kunst geübt und niemals den Tod so  abwenden können. Stattdessen erschufen sie durch ihre Versuche die profanen Künste der  Nekromantie und Blutmagie, gegen die die Götter bald den Bannspruch ausriefen. 

Lord Asdai hat seit jenen Tagen niemals wieder Gnade gezeigt und sich keinen Sterblichen zum  Schützling genommen. Doch wandte er sich nicht von den Sterblichen ab und gewährte einzelnen  Sterblichen oder Orden, wie dem Jägerorden von Belan, in seinem Namen zu handeln und seine  Feinde zu bekämpfen. Doch auch wenn diese manchmal die profanen Künste anwenden, so dürfen sie  nach ihrem eigenen Tode nicht mit Milde rechnen, so will es das Gesetz des Todes. 

Turm, Akademie, Stadt und Festung des Meisters wurden Sitz des Ordens der Jäger von Asdai und das  weite Tal heißt bis heute Belan.